Der Tränenfluss von Civita di Bagnoregio

Der Tränenfluss von Civita di Bagnoregio


Das Sonnenlicht fiel durch die schmalen Gassen von Civita di Bagnoregio, als ich meinen Rucksack über die Schulter warf. Dieser alte Rucksack war mein ständiger Begleiter seit vielen Jahren schon als ich mit Wandern begangen habe.
Drei Wochen waren vergangen, seit ich zum ersten Mal vom Fiume Lacrima gehört hatte – dem "Tränenfluss", einem angeblich unterirdischen Wasserlauf unter dem sterbenden Dorf, den kaum jemand erforscht hatte.

"Sie werden ihn nicht finden", hatte mir der alte Barista in Rom gesagt, als ich ihm von meinem Vorhaben erzählte. "Der Tränenfluss existiert nur in Legenden. Kein Tourist hat ihn je gesehen."

Das war genau der Grund, warum ich hier war. Als Geologe mit einer Leidenschaft für vergessene Naturphänomene hatte ich mich auf die Suche nach Dingen spezialisiert, die andere für unmöglich hielten.

Civita di Bagnoregio, die "sterbende Stadt", thront auf einem Tuffsteinhügel in der Region Latium. Die Erosion frisst sich Jahr für Jahr in den weichen Untergrund und lässt das mittelalterliche Dorf langsam verschwinden. Was die meisten Besucher nicht wissen: Unter den bröckelnden Fundamenten soll sich ein Netzwerk aus Höhlen befinden, durch die der Tränenfluss fließt.

Ich checkte in meiner kleinen Pension ein, die von einer älteren Dame namens Sofia geführt wurde. Als ich meine Ausrüstung auspackte – Taschenlampen, Seile, Messgeräte – beobachtete sie mich mit einem wissenden Blick.

"Sie suchen den Fiume Lacrima", sagte sie. Es war keine Frage.

"Ja. Haben Sie davon gehört?"

Sie lächelte geheimnisvoll. "Mein Großvater behauptete, ihn einmal gefunden zu haben. Tief unter dem alten Brunnen auf der Piazza. Aber niemand glaubte ihm."

Am nächsten Morgen begann ich meine Erkundung. Die wenigen Touristen, die über die schmale Fußgängerbrücke kamen, blieben auf den Hauptwegen. Ich hingegen suchte nach Hinweisen in verborgenen Winkeln, sprach mit den wenigen verbliebenen Einwohnern und studierte die geologischen Formationen.

Nach drei Tagen fand ich einen schmalen Spalt hinter der verfallenen Kirche, der in die Tiefe führte. Mit klopfendem Herzen stieg ich hinab, gesichert durch meine Seile. Der Geruch von Feuchtigkeit und Mineralien umhüllte mich.

Nach einem mühsamen Abstieg von etwa zwanzig Metern weitete sich der Spalt zu einer Höhle. Mein Lichtkegel tanzte über feuchte Wände, die mit mineralischen Ablagerungen überzogen waren. Und dann hörte ich es – ein sanftes Plätschern, das von noch weiter unten kam.

Ich folgte dem Geräusch durch ein Labyrinth aus schmalen Gängen. Die Luft wurde kühler, das Plätschern lauter. Nach einer weiteren Stunde des Kriechens und Kletterns öffnete sich vor mir ein unterirdischer Raum, der mich den Atem anhalten ließ.

Ein klarer Wasserstrom floss durch die Mitte der Höhle, sein Wasser schimmerte in einem übernatürlichen Blau, das von den Mineralien im Gestein stammte. Die Decke war übersät mit winzigen Kristallen, die das Licht meiner Taschenlampe reflektierten wie tausend kleine Sterne.

Ich hatte ihn gefunden – den Fiume Lacrima.

In den folgenden Tagen kartierte ich den Verlauf des unterirdischen Flusses, nahm Wasserproben und dokumentierte die einzigartigen geologischen Formationen. Der Fluss erstreckte sich weit unter Civita, viel länger als ich vermutet hatte, und mündete schließlich in einem unterirdischen See.

Was meine Entdeckung so besonders machte: Der Tränenfluss enthielt eine einzigartige Mischung aus Mineralien, die ihm nicht nur seine besondere Farbe verliehen, sondern auch therapeutische Eigenschaften haben könnten. Vorläufige Tests zeigten einen hohen Gehalt an seltenen Erdelementen und Spurenmineralien, die in dieser Kombination nirgendwo sonst dokumentiert waren.

Als ich nach zwei Wochen intensiver Forschung an die Oberfläche zurückkehrte, hatte sich die Nachricht von meiner Entdeckung bereits im Dorf verbreitet. Sofia empfing mich mit einem warmen Lächeln und einer Flasche selbstgemachtem Wein.

"Sie haben gefunden, was Generationen vor Ihnen gesucht haben", sagte sie.

Heute, drei Monate nach meiner Rückkehr, denke ich über eine wissenschaftliche Publikation über den Fiume Lacrima nach. Die italienischen Behörden haben ein Schutzprogramm eingeleitet, um dieses verborgene Naturwunder zu bewahren und gleichzeitig zugänglich zu machen.

Was als persönliches Abenteuer begann, könnte nun zur Rettung von Civita di Bagnoregio beitragen. Geologen und Ingenieure arbeiten bereits an Plänen, wie der Tränenfluss genutzt werden kann, um die Erosion zu verlangsamen und das sterbende Dorf zu stabilisieren.

Manchmal frage ich mich, wie viele solcher verborgenen Wunder noch unter unseren Füßen schlummern, unentdeckt und unerforscht. Der Fiume Lacrima erinnert uns daran, dass es selbst in unserer durchkartografierten Welt noch Geheimnisse gibt – man muss nur tief genug graben.

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